Subject: Shampoo oder Joghurt?
Lieber J.,
in meiner Stadt gibt es eine Bar, da füllen sie alle Spirituosen in neutrale Flaschen mit cooler Einheits-Aufschrift. Das gibt der Bar einen slicken Look. Ich persönlich finde es aber etwas schade, wenn man nicht mehr Noilly-Prat, Maker’s Mark und Tanqueray nebeneinander stehen sieht. Mit Etiketten, die von heruntergelaufenen Tropfen individuell gemustert sind. Bei Gestaltern scheint es - ähnlich wie bei Diktatoren - einen Urwunsch zu geben, alles neuzuordnen und zu vereinheitlichen.
Wenn ich mir Projekte von befreundeten Designern ansehe, wundere ich mich oft über das, was sie tun. Nehmen wir Verpackungsdesign: Natürlich verstehe ich ihren Schmerz und ihren Idealismus. Gern gebe ich zu, dass ein Gang durch einen deutschen Supermarkt einem die Tränen in die Augen treibt. Knorr, Maggi, Schauma, Herta - es ist an prallbunter Nachkriegs-Hässlichkeit nicht zu überbieten.
Ich hänge nicht an dieser Optik, bin gerne bereit, alte Sehgewohnheiten aufzugeben und mich an neue Looks für Tütensuppen, Shampoo und Wurst zu gewöhnen. Was ich allerdings für keine überzeugende Alternative halte, ist alle diese Produkte einfach nach “Design” aussehen zu lassen. Genau das scheinen Verpackungsdesigner an ihren Akademien aber zu lernen: Egal ob Vodkaflasche oder Kloputzmittel: Nicht mehr als maximal drei Farben, klare Formen, minimaler Approach, nüchtern-modern wirkende Schrifttypen. Je weniger Bezug zum eigentlichen Produkt, umso cooler.
Das einzelne Teil sieht dann nicht schlecht aus, es ist elegant. Aber leider sehen dann Shampooflasche und Joghurtbecher häufig gleich aus. Wer mir nicht glaubt, browse einfach mal durch gängige Design-Blogs. Ich finde, Shampoo soll nicht nach “Design” aussehen, sondern nach Shampoo. Ich mag auch keine Filme, die nach Filmakademie aussehen. Dinge müssen für sich selbst sprechen. Es herrscht ein unheimlicher Drang zur Gleichmacherei unter den Designern. Dieses derzeit durch die Medien wandernde witzige Beispiel der Designifizierung eines bekannten Produktes zeigt uns, was ich meine. Auf die Gefahr hin, als Nicht-Ästhet verschrien zu werden: In meinem Küchenschrank hätte ich lieber das Original stehen.
Grüße
A.
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