Subject: Mein neuer Sportwagen
Lieber A.,
vor ein paar Wochen habe ich mir ein hübsches Rennrad gekauft.
Nostalgischer Silber-Rahmen mit dezent aufgemotzten Teilen in Antrieb und
Fahrgestell von einem Profi zusammengebaut. Kurz: ein Zweirad-Sportwagen
mit nostalgischem Flair. Seitdem habe ich das vage Gefühl mich zu diesem
Kauf hier äußern zu wollen. Jetzt endlich, gerade bin ich mal wieder auf
meinem neuen Stolz von der Videothek (BBC-Serie “Prime Suspects”) nach
Hause gesprintet, komme ich dem Gedanken näher.
Seit vielen Jahren habe ich ein ambivalentes Verhältnis zu Sportwagen. Auf
der einen Seite bewundere ich ihre Reinheit und Mono-Intentionalität und
die gelungene Verbindung von Kraft und Eleganz zum Beispiel eines 911ers.
Auf der anderen Seite halte ich das Konzept “Automobil” und erst recht
“Privat-” und “Spaßautomobil” für überholt, wenn nicht sogar schon von
seinen Wurzeln her verfehlt. Hin- und hergerissen bin ich von der
Perfektion und Konsequenz des Sportwagens auf der einen Seite, und den
gesellschaftspolitischen Bedenken auf der anderen.
Es ist wie diese Gangster-Serien-Faszination: Diese archaische
Scheißegal-Mentalität hat eine enorme Anziehungskraft. Sich einen kleinen
Wunsch erfüllen, mit so einem Rennrad, aber vielleicht auch einem anderen
Luxusgegenstand, das sind die Al Capone-Momente im Leben. *Gepäckträger?
Regenschutz? Scheißegal, wie schnell fährt das Ding? *Man muss sie sich
leisten, diese Momente, und irgendwie die Wage finden zwischen aufgeklärtem
Bewusstsein und feinem Chauvinismus und Angebertum. In diesem Sinne: Mein
Bücherregal, mein Rennrad, meine Lebensgefährtin.
Gruß,
J.
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