Subject: Vom Glück des Königs
Lieber J,
bei meiner Frau und mir hat sich in den letzten Jahren eingebürgert, dass wir auf unseren Kurztrips nach New York leben wie die Könige. Aufgrund glücklicher familiärer Verhältnisse wohnen wir in der Stadt der horrenden Mieten kostenlos und das auch noch beschämend luxuriös. Das setzt nicht nur die Grundstimmung, sondern eröffnet auch Ressourcen in der Urlaubskasse. Wir zwei Aldi-Mittelständler spielen dort Millionäre. Gute Restaurants, edle Hotelbars, Konzerte - alles nehmen wir bedenkenlos mit. Die Schuhe da sind schön - gekauft! Müde und betrunken in Brooklyn? Taxi über die Brücke und nach Hause. Das alles macht einen Heidenspaß. New York lädt zum Setzen von Highlights ein wie keine andere Stadt.
Als ich gerade jedoch auf die vergangene Woche zurückblickte, fiel mir auf, dass die beiden schönsten Momente ungeplant waren und mit kulturellen oder sonstigen Highlights nichts zu tun hatten.
Moment 1:
Montagmittag, Madison Ave, 47. Straße. Es ist brüllend heiß. Ich habe noch was Schnelles zu erledigen, meine Frau muss auf Toilette. Wir blicken uns um, in diesem hektischen und uncharmanten Stadtteil. Da, der Irish Pub. “Geh Du da rein, ich komm gleich nach.” Ich besorge also alleine meinen Kram und komme dann in die Kneipe herein, wo meine Frau an der Theke auf mich wartet.
Irish Pubs sind seltsame Orte, das Konzept eine Art McDonald’s der Alten Welt. Egal wo man sie antrifft, sollen sie mit ihrer künstlichen Behaglichkeit zwischen dunklem Holz, Messing, Wimpeln, Bier und Whiskey ein identisches Gefühl vermitteln. Für so etwas bin ich wenig empfänglich, es kitzelt den Kulturkritiker in mir. Kennte ich Irland, würde ich jetzt dazu ansetzen, wie wenig der Irish Pub das wahre Irland reflektiert, sondern vielmehr ein artifizielles, womöglich rein amerikanisches Konstrukt ist.
Aber in dem Moment war ich zu erschöpft zum Nachdenken. Ich setzte mich neben meine Frau an die Theke und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Hier war jedenfalls schon mal alles, was draußen nicht war: dunkel und kühl, ruhig und unglamourös. Das Bier, das mir der knorrige Ire gezapft hatte, war eiskalt und schmeckte erfrischend. Wir saßen etwa zwanzig Minuten nebeneinander und sprachen nicht viel. Was eigentlich ein Interimsmoment war, ein von elementarstem körperlichen Bedürfnis erzwungenes Einhalten auf der Suche nach Kicks, war ein vollkommener Augenblick. In diesem banalsten aller Settings kosteten wir pures, ungefiltertes Glück.
Moment 2:
Samstagnachmittag, Upper East Side, zu Hause. Wir hängen mit ein paar Leuten vor dem Fernseher, es läuft eine dumme Heimwerkersendung. Der Opa kräht nach einem Kissen, er bekommt es, schläft auf der Couch ein. Seine Frau und ihr Sohn spielen ruhig ein Kartenspiel. Meine Frau macht sich die Nägel. Ich habe die Füße hochgelegt und sehe mir an, wie man ein löchriges Siphon repariert. Die Zeit vergeht einfach so. Alle sind beisammen, nebeneinander, miteinander, nicht so geplant und feierlich wie beim Brunch morgens, wo wir unseren Hochzeitstag gefeiert hatten. Sondern einfach so.
Später am Abend, allein mit meiner Frau im Restaurant, nachdem uns der Kellner trendigen Champagner von der Cote d’Aube serviert hat, werden wir sagen, dass dieser Moment vor dem Fernsehen irgendwie perfekt war. Jetzt sage ich: Er war perfekter als im In-Lokal trendigen Champagner von der Cote d’Aube zu trinken.
Immer wenn ich den Allgemeinplatz höre, Glück sei nicht die Erfüllung von Wünschen, sondern Wunschlosigkeit, regt sich in mir großer Widerstand. Das klingt so buddhistisch, so weltabgewandt! “Hungrig in eine perfekte Pizza beißen, macht mir genug Spaß, ich muss nicht gegen eine weiße Wand starren und meditieren!” So spricht der Epikureer.
Aber auch der muss einsehen, dass Glück etwas ist, das sich nicht planen lässt. Alle Highlights dieses Urlaubs waren fantastisch. Aber die schönste Erfahrung war, dass sich das wahre Glück ausgerechnet in die Zwischenräume geplanter Superlative eingeschlichen hat.
Grüße
A.
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