Subject: Vom Glück des Königs

Lieber J,

bei meiner Frau und mir hat sich in den letzten Jahren eingebürgert, dass wir auf unseren Kurztrips nach New York leben wie die Könige. Aufgrund glücklicher familiärer Verhältnisse wohnen wir in der Stadt der horrenden Mieten kostenlos und das auch noch beschämend luxuriös. Das setzt nicht nur die Grundstimmung, sondern eröffnet auch Ressourcen in der Urlaubskasse. Wir zwei Aldi-Mittelständler spielen dort Millionäre. Gute Restaurants, edle Hotelbars, Konzerte - alles nehmen wir bedenkenlos mit. Die Schuhe da sind schön - gekauft! Müde und betrunken in Brooklyn? Taxi über die Brücke und nach Hause. Das alles macht einen Heidenspaß. New York lädt zum Setzen von Highlights ein wie keine andere Stadt.

Als ich gerade jedoch auf die vergangene Woche zurückblickte, fiel mir auf, dass die beiden schönsten Momente ungeplant waren und mit kulturellen oder sonstigen Highlights nichts zu tun hatten.

Moment 1:

Montagmittag, Madison Ave, 47. Straße. Es ist brüllend heiß. Ich habe noch was Schnelles zu erledigen, meine Frau muss auf Toilette. Wir blicken uns um, in diesem hektischen und uncharmanten Stadtteil. Da, der Irish Pub. “Geh Du da rein, ich komm gleich nach.” Ich besorge also alleine meinen Kram und komme dann in die Kneipe herein, wo meine Frau an der Theke auf mich wartet.

Irish Pubs sind seltsame Orte, das Konzept eine Art McDonald’s der Alten Welt. Egal wo man sie antrifft, sollen sie mit ihrer künstlichen Behaglichkeit zwischen dunklem Holz, Messing, Wimpeln, Bier und Whiskey ein identisches Gefühl vermitteln. Für so etwas bin ich wenig empfänglich, es kitzelt den Kulturkritiker in mir. Kennte ich Irland, würde ich jetzt dazu ansetzen, wie wenig der Irish Pub das wahre Irland reflektiert, sondern vielmehr ein artifizielles, womöglich rein amerikanisches Konstrukt ist.

Aber in dem Moment war ich zu erschöpft zum Nachdenken. Ich setzte mich neben meine Frau an die Theke und wischte mir den Schweiß von der Stirn. Hier war jedenfalls schon mal alles, was draußen nicht war: dunkel und kühl, ruhig und unglamourös. Das Bier, das mir der knorrige Ire gezapft hatte, war eiskalt und schmeckte erfrischend. Wir saßen etwa zwanzig Minuten nebeneinander und sprachen nicht viel. Was eigentlich ein Interimsmoment war, ein von elementarstem körperlichen Bedürfnis erzwungenes Einhalten auf der Suche nach Kicks, war ein vollkommener Augenblick. In diesem banalsten aller Settings kosteten wir pures, ungefiltertes Glück.

Moment 2:

Samstagnachmittag, Upper East Side, zu Hause. Wir hängen mit ein paar Leuten vor dem Fernseher, es läuft eine dumme Heimwerkersendung. Der Opa kräht nach einem Kissen, er bekommt es, schläft auf der Couch ein. Seine Frau und ihr Sohn spielen ruhig ein Kartenspiel. Meine Frau macht sich die Nägel. Ich habe die Füße hochgelegt und sehe mir an, wie man ein löchriges Siphon repariert. Die Zeit vergeht einfach so. Alle sind beisammen, nebeneinander, miteinander, nicht so geplant und feierlich wie beim Brunch morgens, wo wir unseren Hochzeitstag gefeiert hatten. Sondern einfach so.

Später am Abend, allein mit meiner Frau im Restaurant, nachdem uns der Kellner trendigen Champagner von der Cote d’Aube serviert hat, werden wir sagen, dass dieser Moment vor dem Fernsehen irgendwie perfekt war. Jetzt sage ich: Er war perfekter als im In-Lokal trendigen Champagner von der Cote d’Aube zu trinken.

Immer wenn ich den Allgemeinplatz höre, Glück sei nicht die Erfüllung von Wünschen, sondern Wunschlosigkeit, regt sich in mir großer Widerstand. Das klingt so buddhistisch, so weltabgewandt! “Hungrig in eine perfekte Pizza beißen, macht mir genug Spaß, ich muss nicht gegen eine weiße Wand starren und meditieren!”  So spricht der Epikureer.

Aber auch der muss einsehen, dass Glück etwas ist, das sich nicht planen lässt. Alle Highlights dieses Urlaubs waren fantastisch. Aber die schönste Erfahrung war, dass sich das wahre Glück ausgerechnet in die Zwischenräume geplanter Superlative eingeschlichen hat.

Grüße
A.


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Subject: Deutschland…

Lieber A.,

passend zu deinem tollen Text über Deutschland ist mir folgender Aphorismus in den Sinn gekommen:

Die Deutschen lieben die Vorsicht, um rücksichtslos handeln zu können. 

Viele Grüße
J.


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Subject: Re: Der beste Tag meines Lebens

Lieber J.,

danke für diesen fabelhaften Brief, in dem Du den Gedanken aus meinem Brief über das Begehren aufgreifst: Die Ungefiltertheit, das Absolute in kindlicher Emotion und die Frage, was uns das über das Begehren in der Gegenwart lehren kann. Ich möchte Dir auf diesen und den Brief über den kleinen Satansbraten in Kreuzberg antworten:

Wir Erwachsenen sehen in Kindern gerne kleine kapriziöse Geschöpfe und projizieren unsere Vorstellung von Reinheit und Unschuld in sie. Und es ist ja auch nicht ganz falsch: Kinder sind im Vergleich zu uns weiße Leinwände. Wir können in ihren Gesichtern sehen, wie pur sie von Gefühlen bestimmt werden. Als meine Frau noch als Babysitterin gejobbt hat, sagte ihr ein 2-jähriger Junge einmal, über das ganze Gesicht strahlend: 

“Bald habe ich Geburtstag.”

Pause.

“Und Geburtstag ist schön!”  

Das war nicht nur genau die Art von Diktion, die meine Frau damals als Fremdsprachlerin so gerade eben verstehen konnte, es war auch ein funkelndes Beispiel kindlicher Logik, komprimiert verpackt in Poesie. (Wenn Poesie eine Verdichtung von Sprache ist, sind Kinder die größten Poeten. Sie kennen das lavierende Geschwätz der Erwachsenen noch nicht, sie sind immer ganz bei der Sache.)

Das achselzuckende “Naja, Geburtstag halt, aber meine Steuererklärung macht sich deswegen nicht von selbst, außerdem, was ist ein neues Lebensalter, wenn nicht eine Wegmarkierung, dass man dem Tod nähergekommen ist?”, gibt es für Kinder nicht. Sämtliche freudige Ereignisse werden auf die weiße Leinwand gezeichnet, sie leuchten dort in den hellsten Farben - Relativieren, Abwiegeln ist Sache der Erwachsenen.

Dieser Tag im Jahre 1989 ist eine Zäsur für Euch beide: Deine Schwester tritt hinüber in die Welt der Jugend, sie mistet demonstrativ das Kind aus ihrer Persönlichkeit aus, genau wie Du Dich als 10jähriger Raufbold schon lange von “Babys” abgegrenzt hattest. Dabei erkennt sie taktisch klug, dass sie Dich gleichzeitig sehr leicht aus ihrem coolen Sit-In herauskaufen kann.

Und dann Du und Dein neuer Reichtum. Das Unerreichbare, plötzlich Deins. Verfügbarkeit. Gewissheit. Es gab in diesen Tagen sicherlich nichts, was Deine Euphorie dämpfen konnte, weder Hunger, Hausaufgaben, noch ein schmerzendes Knie oder der Gedanke an den Zahnarzt nächste Woche. Nur Du, da sitzend in einem Haufen von Lego, wie Dagobert Duck in seinem Geld. Großartig.

Ich habe es ja schon beim Cola-Automaten gesagt: Man kann aus diesen Euphorie-Erinnerungen vielleicht zwei Lehren ziehen, die eigentlich einen Widerspruch darstellen.

1.

An der Fähigkeit, sich einfach nur zu freuen, ist nichts falsch - man sollte schöne Momente daher genießen, das Relativieren auch mal gut sein lassen. Wer beim Öffnen einer Flasche Champagner gleichzeitig denkt: “Hmm.. eigentlich viel zu teuer!”, hat den Kontakt zum Kind in sich verloren. Freuet Euch!

2.

Man sollte sein Herz nicht mit Ketten an Dinge hängen. Matchbox-Autos wurden irgendwann langweilig, Cola auch, und ich bin sicher, dass dies auch auf eine Villa, eine Model-Freundin und einen Ferrari zutrifft.

Setzt man Erkenntnis 1 & 2 gleich, kommt man vielleicht auf etwas, das ich “spielerisches Begehren” nennen möchte. Das, was Dich auch damals in Wirklichkeit glücklich gemacht hat, war die Existenz Deiner Familie, Deine Gesundheit und die Fähigkeit, das zu tun, was Du tun wolltest. Dies ist in jedem Alter das Fundament eines glücklichen Lebens. Es spricht aber nichts dagegen, in seinem Haus eine Etage für das Begehren freizuräumen, eine Art Spielzimmer. So handhabe ich die Matchbox-Autos meines jetzigen Lebens.

Abschließen möchte ich mit einem Lob an das Erwachsensein. Erwachsensein ist für mich ein Segen. Oft wird die düstere Seite des Kindseins vergessen. Ungefiltert ist nämlich auch die Angst, die Trauer und die Wut. Ein schwarzer Klecks wirkt auf einer weißen Leinwand stärker, als wenn alle Grautöne schon einmal irgendwo aufgeraucht sind. Auf einer subjektiven Schmerzskala ist das Gefühl, das ich als Kind beim Weinen und Toben hatte, sicher stärker als alles, was ich in den letzten Jahren empfunden habe. Das vergiftete Gefühl nachts, wenn man einen Horrorfilm nicht verkraftet hat. Etwas nicht zu dürfen, obwohl “alle anderen” es durften. Das Gefühl der Ohnmacht, der Fremdbestimmung. Das physisch überwältigende Gefühl eines Weinkrampfes, der aus der Brust emporsteigt und einem den Hals zukrampft bevor man in Tränen ausbricht. Die bittere Verzweiflung darüber, Dinge nicht kontrollieren zu können.

Auch wenn meine Kindheit objektiv ziemlich normal war, habe ich diese Gefühle nicht vergessen. Natürlich erinnere auch ich mich an Momente größter Freude. Trotzdem muss ich sagen: Es praktisch nichts aus der Zeit, das ich vermisse. Zu froh bin ich, dass ich mein Leben jetzt selbst bestimmen kann. Diese Autonomie habe ich herbeigesehnt, seit ich denken kann. 
Grüße
A.

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Subject: Der beste Tag meines Lebens

Lieber A.,

es gibt viele beste Tage im Leben. Aber dieser eine Tag, von dem ich Dir erzählen will, ist ein kleines Stückchen besser als die anderen. Es ist 1989. Ich bin 10 Jahre alt. Meine Hobbys: Lego, Matchbox-Autos und Bauklötze. Und draußen mit den Freunden: Räuber und Gendarme, Fußball, Klettern, Rumlaufen, Mist bauen.

Meine Schwester ist drei Jahre älter. Seit einiger Zeit spielt sie nicht mehr so häufig mit wie früher. Sie liest jetzt die Bravo, telefoniert stundenlang mit der schönen blonden Anne, und schreibt heimlich Jungs-Namen mit Herzchen in ihre Notizbücher.

Ich nehme das so hin. Als kleiner Bruder ist man es gewohnt. Die Schwester macht komische Sachen, das hat so seine Richtigkeit. Ich beteilige mich, lasse mir erklären, warum A-ha cool und Bros scheiße ist, setze mich dazu wenn Anne zu Besuch ist und höre dabei zu wie es stundenlang nur um Jungs geht - was sie so Doofes, Peinliches, Süßes, Komisches gemacht haben.

Und dann kommt ein besonderer Tag. Vor allem für meine Schwester. Sie hat mit Mutter was ausgehandelt. Heute abend - es ist Wochenende oder Schulferien oder so - kommt die ganze Clique zu Besuch. Nicht nur Anne sondern auch Christian und Moritz und Andrea und die andere Anne. Oder wie auch immer die alle hießen. 

Für mich ist das nichts besonderes. Ich kenne die alle, die kommen ja ständig in den Geschichten vor. Aber meine Schwester ist auf 180. Und das lässt sie mich auch spüren: Im Gegensatz zu sonst darf ich heute Abend nämlich nicht mit im Zimmer rumhängen und zuhören. Das ist ziemlich doof, denn die schöne Anne kommt ja auch. 

Der Tag ist also gelaufen. Denke ich, aber am Nachmittag passiert ein kleines Wunder: Meine Schwester steht mit ihrer riesigen Lego-Kiste in meinem Zimmer. Die ist doppelt so groß wie meine. “Kann ich die bei Dir abstellen? Du darfst auch damit spielen.” Ich traue meinen Augen und Ohren nicht.

Jahre des Streits und der Zankerei ziehen vor meinem inneren Auge vorbei: Wer darf welchen Stein benutzen? Wer hat welch Teile in seine Kiste gepackt? Das waren die großen Lego-Fragen. Und jetzt das. Alle Teile für mich, das gab’s noch nie! 

Na klar habe ich sofort “ja!” gesagt. Und ich habe kurz den Gedanken gehabt, meine Schwester sei nicht ganz bei Trost, während sie auch ihr gesamtes übriges Spielzeug (Autos! Bauklötze!) in mein Zimmer rüberräumte. 

Sie hat die Kisten nie mehr abgeholt. Ein paar Wochen später sagte sie: “Das kannst du alles geschenkt haben”. Ich war offizieller Lego-Millionär. 

Wovon will ich eigentlich sprechen? Vielleicht von Horizonten. Was uns heute wie eine ganz normale Episode im Leben eines Menschen vorkommt, das ist für mich damals ein unfassbares Wunder gewesen. Die Welt ist voller Wunder als Kind. Kann man noch beste Tage haben, wenn man schon über alles Bescheid weiß? Was unterscheidet die Freuden der Erwachsenen von den Freuden der Jugend? 

Grüße
J.


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Subject: Re: Denk ich an Deutschland am hellichten Tag

Lieber A.,

Dein Brief zur miesen Zwischenmenschlichkeit in unserem Heimatland spricht mir aus der Seele. Zumal ich in der vielleicht menschlich unwirtlichsten Großstadt Deutschlands wohne. Unde weil es mich so sehr nervt, trage ich seit ein paar Wochen mal wieder verstärkt Auswandergedanken mit mir rum. Obwohl es mir eigentlich gut geht. Schöne Wohnung, schöner Kiez, schöner Job - alles fein. Nur die Menschen in dieser Stadt -  sie sind hässlich. Nicht optisch - das wäre mir egal - sondern zwischenmenschlich. Vielleicht liegt es am langen Winter, dass das momentan so besonders ins Auge springt?

Vor ein paar Tagen war ich im Rheinland. Als ich in Duisburg aus dem Zug stieg atmete meine Seele auf. Allein die Gesichter und die Stimmen auf dem Bahnsteig vermittelten mir Wärme. Nicht dieses angestrengte, feindseelige, das ganz Berlin durchströmt. Als sei man im Krieg. Und die vielen Regeln, die man hier und da falsch machen kann, an denen man Touristen und Neuankömmlinge abschätzig erkennen kann. Ständig kontrolliert man, wer sich wie verhält. Nicht in dem Sinne Kleinstadt. nach dem Motto, wer tanzt aus der Reihe? Es geht nur um eine Bewertung auf geheimen Szene-Skalen. Echter Berliner? Cooler Typ? Kennt die richtigen Plätze?

Versteh mich nicht falsch. Ich kenne die Codes dieser Stadt und ich spiele das Spiel mit. Aber ich frage mich auch: Was soll das eigentlich? Können die sich nicht alle ein klein wenig lockerer machen? Können die den anderen nicht alle ein kleinwenig egal sein lassen? Warum sind alle so auf ihre und die Außenwirkung ihrer Mitmenschen konzentriert?

Zuegegeben - ich selbst bin nicht gerade ein kuscheliger Mensch. Insofern liegt mir die Garstigkeit der Berliner wahrscheinlich. Aber wieso darf es in der Kneipe nicht auch mal mit Lächeln und Freundlichkeit zugehen? Alles ist kalt, schnörkellos und direkt. Diese Preußen nerven ganz schön. Ich frage mich was die ganzen New Yorker antreibt, die es in diese Stadt zieht. Ich jedenfalls, würde nach New York gehen, wenn ich dort ein ähnliches Leben auf mich warten würde. Jederzeit. 

Herzliche Grüße,
J.


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Subject: Re: Verfügbarkeit und Ungewissheit

Lieber A.,

ich weiß nach deinem letzten Brief zu dem Thema immer noch nicht genau, was mit horizontaler und vertikaler Ethik gemeint ist. Ich komme der Sache aber langsam näher: Demokratisches Aushandeln von Werten im Gegensatz zu autoritärer Setzung, vermute ich. Ich finde diese Entgegensetzung allerdings seltsam. Im Grunde wurden und werden ethische Maßstäbe doch von Eliten gesetzt und nicht von der breiten Masse. Wenn die Eliten sich austauschen, geht es manchmal erstaunlich schnell und viele Andersdenkende aus dem Volk bleiben mitunter hilflos zurück. So geschehen im letzten Jahrzehnt, als die liberale Gesellschaftspolitik der Rot-Grünen Regierung das ganze Land umkrempelte. 

Wer auch immer an “horizontale Ethik” glaubt, ich finde ihn ganz schön naiv. Was die Demokratie verändert hat, ist der vereinfachte Zugang zu den Eliten. Aber dass unsere Werte demokratisch ausgehandelt werden, sehe ich ehrlich gesagt überhaupt nicht. 

Viele Grüße
J.


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Subject: Ich, ich, ich, ich, ICH!

Lieber A.,

heute vorm Supermarkt traf ich auf zwei Mütter mit ihren Töchtern im Vorschulalter. Drei schnuckelige Blondinchen, goldenes Haar, knuffelige Winterklamotten, blaue Kulleraugen - Kindchen-Schema-Knopf-Drücker par excellence. Das Transportmittel der Gruppe waren zwei Fahrräder für die Erwachsenen und ein riesiger Fahrrad-Anhänger-Kastenwagen für die drei Drolligen. Eine sympathische Truppe mit sympathischer Ausrüstung, willkommen vorm Kreuzberger Bio-Markt.

So weit so harmonisch, wäre nicht eine von den Kleinen in denkbar schlechter Stimmung gewesen. Die blonde Fee kreischte und krächzte ihre Mutter an, während die anderen beiden gerade drauf und dran waren in den Kastenwagen zu steigen. Nein - sie hatte keine Angst vor der Fahrt, wie man vermuten mag. Sie hatte Anspruch!

“Ich will aber als erste!”, schrie sie ihre Mutter an. “ICH WILL ABER ALS ERSTE!” Wehe, Mama, wenn hier ein Kind vor mir in den Kastenwagen steigt, der kleine Körper nur Empörung und Wut. “ICH WILL ABER!!” 

Kindermund tut Wahrheit kund, sagt man. Und vergisst bei aller Verklärung für die Reinheit und Unbedarftheit des Nachwuchses all zu gerne, dass auch schon in jedem kleinen Menschen jener teuflische Anspruch wirkt, der in uns allen sein Unwesen treibt. Ich, ich, ich, ich, ICH! Der Mensch ist ein soziales Wesen - ja klar. Der Mensch ist aber auch ein egoistisches Arschloch.

Besonders deutlich wurde mir das heute, in dieser Oase des Guten, in Kreuzberg, als ich vorm Bio-Markt drei Engel und ihre Mütter und ihre Räder traf. Und einen Kastenwagen, der nichts besonderes an sich hatte. Außer: es war unheimlich wichtig, wer als erster in ihn einstieg. 

Gruß aus Berlin
J.


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Subject: Denk ich an Deutschland in der Mittagspause…

Lieber J,

mit Urteilen über Kulturen sollte man bekanntermaßen zurückhaltend sein. Du sagtest irgendwann sehr schön: “Wir sind alle Kinder, und jedes meint, es hat den tollsten Papa. Die Wahrheit, lieber A., ist: Die Papas sind alle gleichtoll.”

Das ist auch meine Grundauffassung, zumal es kein Über-den-Kulturen-Stehen gibt, das eine vergleichende Vogelperspektive auf mehrere Kulturen erlauben würde. Jeder ist schließlich durch seinen eigenen kulturellen Flaschenhals durch, und da kommt er auch durch 20 Semester vergleichende Kulturwissenschaft und einen Reisepass voller Stempel nicht mehr raus. Einen alten Chinesen, der auf die Straße spuckt, werden wir immer als etwas weniger lieblich empfinden als einen dauerlächelnden Thai, auch wenn beide einfach etwas für sie vollkommen Übliches machen.

Meistens liegt bei interkultureller Friktion ein Missverständnis vor. Auch wenn beide nichts Böses wollen, interpretieren sie jeweils das Verhalten der Anderen als negativ - und so schaukelt sich ein Bedrohungsgefühl und wechselseitige Ablehnung hoch. Ich denke da gerne an Hunde und Katzen. Die Katze schnurrt zufrieden - der Hund kann nicht anders, als das als Knurren zu interpretieren. Andersrum: Der Hund wedelt gut gelaunt mit dem Schwanz - ein unter Katzen untrügliches Zeichen für äußerste Gereiztheit. Beispiele zeigen, dass Hund und Katze die Sprache des anderen lernen können - zumindest können sie die Zeichen irgendwann richtig deuten. Auch Menschen müssen lernen, dass Andere anders sind und dies grundsätzlich keinen Affront darstellt.

An diese Diskussion musste ich am vergangenen Wochenende denken. Ein befreundetes amerikanisches Paar ist von New York in eine mittelgroße norddeutsche Stadt gezogen. Im Gespräch kam mein grundoptimistischer Freund - nach Schilderung allerlei positiver Eindrücke, versteht sich - auf ein ernstes Thema zu sprechen: Die für ihn überraschende Kälte im täglichen Umgang. Es fühle sich doch komisch an, aus einer lärmenden 8-Millionen-Metropole zu kommen, in der jeder dem Geld hinterherjagt, und ausgerechnet im friedlich-deutschen Mittelstandsidyll auf so viel unnötige Härte und Grobheit im täglichen Umgang zu stoßen. Mein Freund hat neben New York auch jahrelang in Frankreich und der Schweiz gelebt, es war also nicht der allgemeine “Ami in Europa”-Effekt. Es ging hier konkret um die erste Begegnung eines wachen, aufgeschlossenen Menschen mit Deutschland.

“Die Deutschen”, sagte er, “befolgen Gesetze gewissenhafter als Andere. An einer roten Ampel bleiben sie immer stehen, egal wie die Verkehrslage ist. Wenn allerdings keine geschriebenen Regeln für eine bestimmte Situation existieren, zeigen sie sich schnell unzivilisiert, geradezu barbarisch. Als würden sie durchatmen und sich von der anstrengenden Gesetzestreue einen Moment erholen. Ein Beispiel: In den leeren Bus eingestiegen, bleiben sie wie angewurzelt in der Tür stehen und achten nicht auf die Personen hinter sich. Undenkbar in anderen Ländern.”

Jeder, der mal in New York gelebt hat, weiß, dass es einen ausgeklügelten Verhaltenscode in der Subway gibt, den nur Touristen nicht befolgen. Insofern kein Wunder, dass ihm das als erstes aufgefallen war. Aber er erzählte mehr und mehr. In nur acht Wochen hatte er eine Vielzahl negativer Erfahrungen gemacht (Verkäufer imitiert grinsend seinen amerikanischen Akzent, Autos rasen in verkehrserzieherischer Absicht auf seine Frau mit Kinderwagen zu, von unzähligen im Raum stehen gelassenen Lächeln und “Guten Tag!”s ganz zu schweigen).

Ich habe dann an die Hunde und Katzen gedacht und versucht, etwas Positives bei den Deutschen zu finden. Unter Vermeidung des Spruches “Aber wenn Dich einer mal wirklich ins Herz geschlossen hat, hast Du einen Freund fürs Leben!” - jenes Klischee nimmt meines Erachtens jede unsympathische Kultur für sich in Anspruch. Als ob in anderen Ländern echte Freundschaften nicht vorhanden seien. Als ob echte Freundschaften durch einen angenehmen Umgang im täglichen Leben existenziell bedroht würden. Mir fiel absolut nichts ein. Ein bleiernes Gefühl überkam mich. Wie soll ein Ausländer, der von uns in erster Linie weiß, dass wir zwei Weltkriege angefangen haben, über dieses Land denken, wenn ihm schon beim Brötchenkauf missbilligend gesagt wird, Käse und Ei auf einem Brot, das gehe aber nicht.

Wahrscheinlich muss man einfach einräumen: Irgendwie ist Deutschland trotz WM 2006 und dem bunten Berlin ein unsympathisches Land. In vollem Bewusstsein, damit eine weitere typisch deutsche Eigenschaft zu erfüllen, sag ich Dir: Ich mag meinen Papa nicht besonders, J.

Grüße
A.


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Subject: Verfügbare Ungewissheit

Lieber J.,

von Dir hier zu hören, dass Du mich nicht verstehst, scheint ja so etwas wie Tradition zu werden! Das gibt mir zu denken. Wenn ich kurz die Meta-Ebene betreten und die Diskussionskultur ansprechen darf: Argumentieren, Streiten geht auch, ohne immer zwischendurch kopfschüttelnd einzuhalten und zu betonen, dass man den Anderen nicht versteht. Sei mal spielerischer! Natürlich kann man immer das Sezierbesteck an die Gegenauffassung anlegen, aber man kann auch Stichwörter aufgreifen und seine eigene Meinung darlegen. So kickt man sich den Ball immer weiter gegenseitig zu. Man schlunzt vielleicht hier und da, trifft nicht richtig, aber den Ball bleibt im Spiel. Ihn immer wieder zwischendurch in die Hand zu nehmen und dem anderen zu erklären, dass er es falsch macht, ist - nun ja.

Zurück zum Thema. Die Begriffe der horizontal und vertikal vermittelten Ethik habe ich ja nicht erfunden. Ob ich sie richtig eingesetzt habe, weiß ich natürlich nicht. Aber was ich ausdrücken wollte, ist vielleicht gar nicht so schwer zu verstehen.

Man kann sich Gesetze und Regeln so vorstellen, dass man sie permanent demokratisch aushandelt - so sind sie Wandlungen unterworfen. Der Vorteil ist, dass die Menschen flexibel auf tatsächliche Veränderungen reagieren können. Unsere Auffassungen zu Homosexualität oder Gender-Rollenbildern haben sich zum Beispiel weiterentwickelt. Wer dagegen immer noch ankräht, kann einem leid tun. Zumindest hierzulande - in den USA ist wohl Angst das angemessenere Gefühl vor diesen rechten Freaks. Gläubige Menschen empfinden die zentralen Gebote ihrer heiligen Schrift als etwas, dessen Kern der Sphäre des Verhandelns unter den Menschen (horizontal) entzogen ist. Über Auslegungen lässt sich streiten, aber die Herkunft dieses Gesetzes mahnt den Menschen, dass es um mehr geht als die Widmung einer Straße oder die Einführung einer Norm für Büroklammern. Die Weiße Rose konnte daher sagen: Sorry - und wenn die ganze Nation jetzt der Auffassung ist, dass Juden minderwertiges Leben sind - es ist trotzdem falsch und darf nicht sein. Da gibt es keinen Zweifel und kein Rumlavieren und kein “wenn, dann”. Ein rein horizontal ausgerichteter Ethiker kommt dagegen in Schwierigkeiten, wenn die Mehrheit gegen ihn ist.

Mächtige religiöse Verbände sind in der Regel konservativ und fürchten den Zeitgeist als Sturm, der das Schiff Menschheit hin und her bläst. Daher mahnen sie die vertikale Dimension an - “Denkt daran, was über Euch ist. Das gilt, egal, was ihr hier auskaspert.” So reizvoll das ist: Uns allen fehlt langfristig für so ein Konzept der Glaube.

Die hier schon zitierten klugen Köpfe Ratzinger und Habermas haben ein schönes Gespräch zu diesem Thema geführt.
Grüße

A.


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Subject: Re: Verfügbarkeit & Ungewissheit

Lieber A.,

vielen Dank für Deine Antwort. Ja, ich habe viel übrig für dieses fernöstliche Denken.Das lenkt hier aber vom Thema ab, denn ich wollte der Weißen Rose ja gar keine Ratschläge erteilen. Ich wollte nur darauf hinweisen, dass Helden in Gewissenskonflikten geboren werden. Wenn sie ganz ganz fest an ihre eigene Moral glauben und ich gegen die falsche Moral der Herrschenden stellen. Gibt es andere Helden? Ich glaube nicht - weder in China noch in Europa. 

Was du dagegen unter vertikaler und horizontaler Ethik verstehst, ist mir schleierhaft. Wir beide leiten unsere Ethik doch auch aus Christentum und Humanismus ab. Möglicherweise in einer anderen Mischung. Wir haben aber - so nehme ich nach Deiner Terminologie an - eine horizontale Ethik. 

Warum? Weil wir nicht in die Kirche gegangen sind oder mit dem Schwert konvertiert wurden? Wer ist diese Instanz, von der die vertikale Ethik von oben herabschwebt? Habermas ist es jedenfalls nicht, denn seine christlich-humanistisch-demokratische Ethik nennst du horizontal, obwohl er doch regeln für den Umgang miteinander definiert und keineswegs gewillt scheint, “die Menschen sich selbst zu überlassen”.

Die Menschen sich selbst zu überlassen… da muss ich auch direkt Fragen WER überlässt die Menschen sich selbst?? Also wer war vorher da? Sprichst du von Gott? Also früher haben die Menschen ihre Ethik direkt von Gott empfangen (vertikal) und heute fragst du dich ob das Modell ohne Gott funktioniert? Ist es eine solche göttliche Ethik, die uns davor schützt, dass “ganze Gesellschaften kippen”? Wie muss ich mir das vorstellen, so wie die Reformation? Oder die wie die Islamische Expansion? Und was sind “einst unveräußerliche Rechte”?

Deine Antwort gibt mir nur Rätsel auf…

Grüße

J.


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