Subject: Vorbei am äußeren Schweinehund!

Lieber J,

lauf nicht gleich weg, weil ich schon wieder über mein liebstes, leidigstes Thema schreibe: Vom Gefangensein in Milieus. Okay, es stimmt - ich habe an dieser Stelle schon oft beklagt, dass Menschen sich dauernd und überall in Grüppchen einordnen, um sich dann gegen andere Grüppchen abzugrenzen. Menschen treiben eben nicht wie Gasmoleküle durch die Luft, nein, sie formen lieber feste Gitterstrukturen und verharren dann in diesem Zustand. Es scheint unabwendbar, geradezu evolutionär vorprogrammiert, so what, aber echte Melancholiker dürfen eben auch am Unvermeidlichen leiden.

Klar bin ich auch selber im Korsett eines bestimmten Lifestyles unterwegs. Und vielleicht ist es wirklich weniger das Milieu im Sinne des direkten soziale Kontakts zu anderen Menschen. Vielleicht ist es die Tatsache, dass verschiedene Modelle von Ästhetik immer schon als Paket vorhanden sind, bevor man sie antrifft. Schon lange bevor es den ersten Concept Store gegeben hat, schuf das Leben selbst diese “Rundum-Sorglos”-Bausätze zur Ästhetisierung des eigenen Lebens. Und sorgte damit für jene beklagenswerten kristallinen Strukturen in unserer Alltagskultur. Beispiele gefällig?

1. CDU, Speckgürtel, ZDF, Anastacia, Mercedes und Jagdschein.

2. Nerdbrille, Bart, Altbau, Keds, Vinyl, True Detective und Vampire Weekend.

3. Rosa Hemd, Range Rover, F.D.P., Trüffelnudeln bei Luigi, Top Siders, Jura, Sylt

4. Yogamatte, Rooibos-Tee, Weltmusik, Aldi-Merlot und Paulo Coelho

5. Mallorca, Krombacher, Formel 1, Mario Barth und Alufelgen

Das sind klischierte, grobe Abgrenzungen. Aber innerhalb dieser Grüppchen scheinen sich gewisse Entscheidungen einfach im Fahrwasser der jeweils gewählten Grundhaltung zu ergeben. Sie sind dann keine Folge einer persönlichen Entscheidung mehr, sondern lediglich Verwirbelungen hinter dem größeren Rad, das man eben zu drehen meint.

Ich bin ein konservativer Typ vom alten Eisen? Dann gehe ich ganz sicher nicht zum Yoga! “‘Ommmmm’, haha, da würde ich wahnsinnig werden!”, und alle Freunde lachen laut mit.

Ich bin eher so der Typ Hotelbar und rahmengenähter Schuh? Dann werde ich in diesem Leben garantiert nicht mehr unter freiem Himmel auf einer Isomatte schlafen und mir am Campingkocher eine Mahlzeit zubereiten! "Bin ich denn verrückt?"

Ich baue mein eigenes Gemüse an, bin in der evangelischen Kirche aktiv und finde die Filme von Jean-Pierre Jeunet total phantasievoll? Dann höre ich wahrscheinlich kein Slayer und lese auch sicher nicht Louis-Ferdinand Céline.

Warum ich das schreibe? Weil ich rückblickend sagen kann, wie krass es mein Leben jedesmal bereichert hat, wenn ich aus meinem mir eigentlich zugewiesenen Rahmen getreten bin. Es waren fast immer ausgesprochen schöne, prägende und lange wirkende Erlebnisse, wenn ich den inneren Peer-Group-Schweinehund, der ja genaugenommen ein äußerer Schweinehund ist, überwunden habe. Weshalb ich auch meine Freunde liebe, die mit teuer essen gehen oder HBO-Serien nichts anfangen können. Wenn also nur der toughe Proll aus Gruppe 5 ein sentimentales Coelho-Buch lesen würde oder der Hipster aus Gruppe 2 mal morgens um vier zur Jagd gehen würde, wenn die Lehrerin aus Gruppe 4 einfach mal zu nem Metal-Konzert gehen würde - alle würden sie staunen, wie das Leben außerhalb der Glocke Spaß machen kann. Und vielleicht hätten wir dann viel interessantere Menschen um uns herum, die sich nicht wie Pennäler in verschiedenen Ecken des Schulhofs gruppieren und unsicher über die anderen lästern müssten.

Grüße
A.


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Subject: Gast oder Last?

Lieber J,

wie Du weißt, lebe ich mit meiner Frau in einer kleinen Stadtwohnung, die gerade mal Platz für zwei bietet. Reicht uns im Grunde völlig. Manchmal aber träume ich von großzügig geschnittenen Wohnzimmern, einem Esszimmer mit langer Tafel, einem Garten mit Terrasse. Nie stelle ich mir das leer und perfekt möbliert vor. Es sind keine Architectural Digest-Träume, in denen ich in leichte Leinen gewandet, mit Drink in der Hand, meine Hallen abschreite und mir selber anerkennend zuzwinkere, weil ich Skandinavien, Eames und Antik so verdammt geschickt kombinieren kann. Nichts liegt mir ferner. Da ich zudem nichts sammle, träume ich auch nicht von mehr Platz zum Unterbringen irgendwelchen Krams. Nein.

Es sind immer Träume von Partys. Berge von Geschirr, die sich auf dem Tisch türmen. Im Wohnzimmer spielen Kinder, auf der Terrasse liegt ein Freund im Sessel und schläft seinen Rausch aus, neben ihm flitzen fünf Leute schreiend beim Rundlauf um die Ping-Pong-Platte, weiter hinten im Garten knutscht ein Paar, sie haben sich eine Flasche Champagner stibitzt und es sich im Gras bequem gemacht. Alle haben die beste Zeit Ihres Lebens.

Das Deutsche in mir grübelt natürlich nach dem Sinn, dem Grund für solche Träume. Das ist doch bestimmt etwas Bedenkliches, der weltbeste Gastgeber sein zu wollen! Ein Minderwertigkeitskomplex vielleicht? Die größten Partyschmeißer, die wir aus der Literatur und Film kennen, bestätigen den Verdacht. Der Große Gatsby oder Kevin Spacey in Midnight in the Garden of Good and Evil - Emporkömmlinge, Großmannssucht und der verzweifelte Wunsch geliebt zu werden. Kanye West soll seine Hochzeit in geradezu überirdischer Weise gefeiert haben. Auch niemand, der man unbedingt sein will. Ja es mag stimmen: Wahrscheinlich will man, dass von der Großartigkeit der eigenen Party etwas auf einen selber zurückfällt. Tolle Party, toller Typ. Psychologie, Du alte Spaßverderberin!

Ich glaube aber, dass mein Wunsch nach Gatsbytum woanders herkommen könnte. Zum Beispiel von der Erinnerung, wie ich mich als Kind gefühlt habe, wenn ich bei bestimmten Freunden oder Verwandten zu Besuch war. Dort, wo man - wie Kinder es ausdrücken - “viel mehr durfte als zuhause”. Fernsehen, Eis, Süßigkeiten, Lautsein, Menschen, die einem zuhören: alles im Überfluss vorhanden. Dazu die Gewissheit, nichts falsch machen zu können, das Gefühl, dem trivialen Alltag entrückt zu sein, auf Vernunft und Mäßigung zu pfeifen. Ein paar Stunden ohne Ressourcenknappheit. Nicht umsonst habe ich das Märchen vom Schlaraffenland öfter gelesen als alle anderen. Genau dieses Empfinden will ich meinen Gästen geben. Sie sind nicht zuhause, also sollen sie es besser haben als zuhause.

Als Gast war ich bislang bei eher wenigen so leidenschaftlichen Gastgebern zu Besuch. Im Gegenteil, ich höre dauernd um mich herum, wie es Menschen vorm Einladen graust. Den Armen wie den Reichen. Wenige scheinen meine Lust am Bewirten zu teilen. "Der Abwasch!", "Die Kosten!", "Dem soll ich meinen guten Wein anbieten? Der trinkt doch zuhause nur Discounter-Ware!", "Ist mir zu anstrengend!", "Perlen vor die Säue!"

Und immer wieder, die mir verhassteste Einleitung: "Tut mir leid, aber ich sehe es echt nicht ein…" Mit dieser so seltsam wütend-abwehrenden rhetorischen Figur rechtfertigen schlechte Gastgeber gern, warum sie den nach Konservierungsstoffen und Zucker schmeckenden Kartoffelsalat aus der Plastikdose anbieten, anstatt selber einen zu machen. "Das muss doch reichen!" Oder Gästen gleich bei der Einladung mitgeben, dass sie ihr Essen und Trinken bitte selbst mitbringen mögen.

Das Alles ist mir ein Rätsel. Ich kenne das Gefühl, von Gästen übervorteilt zu werden nicht. Der Gast kann wenig falsch machen. Er ist nicht einmal zu Dankbarkeit verpflichtet. Ich habe hier schon an anderer Stelle auf andere Kulturräume (Osteuropa, Naher Osten) hingewiesen, in denen sich auch die ärmste Bauernfamilie krumm macht, damit ihr Gast wie ein Fürst speist, trinkt und ruht. Mit der größten Selbstverständlichkeit serviert man ihm das Beste, was man hat, anstatt kühl zu berechnen, ob er es auch “wert” ist. Ich sehe es genauso. Dann hat mein geiziger Aldi-Freund mit seiner preußischen Anti-Genuss-Ethik halt einmal in seinem Leben einen guten Wein getrunken. Ist doch schön, dass es bei mir war! Ob er es zu schätzen wusste, ist sein Problem, nicht meins. Bricht mir deswegen ein Zacken aus der Krone? Nein. Schmeckt der Wein besser, wenn ich ihn allein trinke? Sicher nicht. Kann man Zeit, Geld und Arbeit wirklich besser investieren als in Großzügigkeit? Ich jedenfalls kenne wenig Lohnenderes. Menschen vergessen oft, dass sie im Stande sind, einander großartige Gefühle zu bereiten. Das sollten wir viel öfter tun. Die Welt da draußen ist trivial genug.

Grüße

A.


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Subject: Wie zahlen die Deutschen? Die Deutschen zahlen so!

Lieber A.,

es ist kompliziert. Pauschale Sätze über Nationen oder Völker (allein das Wort!) sollte man äußerst bedacht formulieren. Nationalismus und Rassismus lauern durchs Schlüsselloch. Und dennoch: es gibt sie doch, unterschiedliche Eigenarten zwischen Menschen verschiedener Kulturräume. Das ist eine Sache der Sozialisierung. Und irgendwie müssen sie sich auch formulieren lassen, ohne dass man zum Rassist oder Nationalist wird. Aber wie kann das gehen? Vielleicht in einer sprechenden Anekdote. 

Auf meiner Südamerika-Rundreise im Frühjahr reiste ich auch nach Argentinien. Vom Flughafen in Buenos Aires ging es mit dem Taxi weiter zu unserer Wohnung in San Telmo. Es war diese Sorte von Urlaubs-Wunsch-Taxifahrt. Der Fahrer erzählte von Land und Leuten (fast nur schlechtes über Politik und allgemeine Moral) und freute sich den Touristen ein paar Tipps mit auf den Weg zu geben. 

Zwar reichten die abwechslungreichen 30 Minuten Fahrt nicht ganz, um sich an den schwierigen Akzent des Porteños zu gewöhnen, aber gegenseitige Sympathie und gegenseitiges Vertrauen waren gewachsen. Bis zum Bezahlvorgang. Trotz aller netten Gespräche - soeben in einem neuen Land mit einer neuen Währung angekommen, da schaut der deutsche Tourist schon noch genauer auf das Rückgeld. Und siehe da: tatsächlich! Der Gaucho hatte mir nicht den korrekten Betrag zurückgegeben!

Also rechnete ich ihm von der Rückbank nach vorne gelehnt seinen Fehler vor. Und der Fahrer geriet sichtlich unter Druck. Er beteuerte mehrmals, alles habe seine Richtigkeit. Er war sichtlich enttäuscht, dass die harmonische Taxifahrt nun ein solch kritisches Ende nahm. Und auch meine Begleiterinnen schauten bedröppelt und sorgenvoll aus der Wäsche. Das ganze Taxi war sich im Grunde einig: Ob willentlich oder nicht - schade, dass der Argentinier sich hier von seiner schlechtesten Seite präsentieren musste. 

Fast das ganze Taxi. Immer noch beteuerte der Taxifahrer, er habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, er sei nicht einer von diesen Ganoven wie so viele seiner Kollegen. Die Stimmung war aufgeregt, aufgeheizt. Ich konnte mir kaum Gehör verschaffen. Schließlich wedelte ich mit 20 Pesos in seinem Gesicht: “Esos son a vos, son demasiado!” - Die gehören Ihnen, die sind zu viel! 

Das Gesicht des Fahrers ging von Verzweiflung in Staunen über. Als ob er einem Pferd beim Tango tanzen zuschaute. Dieser Europäer warf ihm keinen Betrug vor! Er wollte ihm Geld zurückgeben! 

"La honestidad alemana!", murmelte er wie in Trance. Und vor seinem inneren Auge lief irgendein Film ab. Vielleicht waren es die vielen Geschichten der Korruption und Betrügerei seiner Landsleute, von denen er uns die ganze Fahrt lang erzählt hatte. Vielleicht ein paar Geschichten über Deutsche, die man ihm mal erzählt hatte. Oder er dachte an seine Frau oder einen Freund, dem er von diesem Moment erzählen wollte… 

Es ging nicht um viel Geld, ein paar Euro. Und ehrlich gesagt: Wenn der Mann nicht so sympathisch gewesen wäre, ich hätte sie wohl behalten. Aber rückblickend war es perfekt investiertes Geld. Man reist ja nicht nur um fremde Kulturen kennenzulernen, sondern auch als Botschafter des eigenen Vereins. Und somit war ich - ganz ohne Überlegenheits-Gedanken - ein wenig Stolz. Nicht auf die deutsche Ehrlichkeit. Sondern, dass ich es geschafft hatte, ihm bei nur einer kleinen Taxifahrt unsere Kultur ein wenig näher zu bringen. 

Was sagt das jetzt über den Argentinier? Über den Deutschen? Keine Ahnung. Da halte ich mich raus. Aber eine schöne Geschichte ist es!

Lieber Gruß
J.


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Subject: Alltagsrassismus und kein Ende

Lieber J.,

wundern mich die Blackfacing-Idioten aus dem deutschen Fanlager? Kein Stück! Wie könnten sie? Wie könnten sie, wo es doch seit eh und je unmöglich ist, einen geselligen Abend zu verbringen, ohne dass einer irgendwann etwas dumm Ausgrenzendes sagt?

Die meisten Leute, mit denen ich Kontakt hatte, waren gebildete Mittelschichtsmenschen. Menschen, denen es an nichts mangelt, außer vielleicht Aufregung im Leben. Keiner von denen würde sich ernsthaft politisch rechts einordnen. Urban, aufgeklärt, weltoffen - das ist das herrschende Selbstverständnis. Man muss trotzdem nicht den Israel-Palästina-Konflikt ansprechen, um sich vor seinen eigenen Freunden und Familienmitgliedern zu grausen. Es reicht Fußballschauen.

Noch beim diesjährigen Champions League-Halbfinale kalauerte einer neben mir unmotiviert und ohne erkennbaren humoristischen Zusammenhang: "Der Benzema ist auch so ein Taliban, höhöhö." Gelächter. Von den unzähligen "Gorilla"- oder "Monster"-Referenzen zu Mario Balotelli ganz zu schweigen. Ist es eigentlich eine anthropologische Konstante oder etwas Deutsches, das Andere immer irgendwie lächerlich machen zu müssen? Von der Grundschule bis heute - überall gab es die gleichen Reaktionen auf das Fremde: Belustigung, Vorurteile, Abgrenzung, Ausgrenzung - in Gestalt des provinziellen "Höhöhö"-Humors. Mich graust es, mir vorzustellen, wie es in Kreisen zugeht, die nicht durch Bildung und Auslandsaufenthalte über den Tellerrand blicken durften. 

Meist spreche ich die Leute direkt darauf an, dass ich die Bemerkung nicht okay finde. Dann stößt man auf ostentatives Verwundern, wird als überempfindlicher Ansteller bezeichnet. Mir musst Du doch nicht erklären, was Toleranz heißt! Ich hab doch nur nen Spruch gemacht!

Alltagsrassismus heißt so, weil er an allen Tagen und überall anzutreffen ist. Er ist für mich eine zunehmend frustrierende Erfahrung. Fast schlimmer als das Wissen um die Handvoll Idioten, die von ihrer “rassischen Überlegenheit” restlos überzeugt sind. Ausgrenzende Sprache muss endlich aggressiver bekämpft werden. Je älter ich werde, umso mehr propagiere ich eine krasse Political Correctness-Diktatur à la USA. Wer dort meint, solche Sprüche raushauen zu müssen, der darf es gern - geschützt durch eine aus deutscher Sicht endlose Meinungsfreiheit, die sogar den Beleidigungstatbestand nicht kennt. Aber - und das ist hierzulande noch anders - er muss mit den verheerenden gesellschaftlichen Folgen eines Tabubruchs leben. Das führt nicht nur im öffentlichen Leben zu einer äußerst umsichtigen Wortwahl. Auch in bierseliger Runde habe ich praktisch nie einen Amerikaner racial slurs äußern hören. Natürlich gibt es auch da Vorurteile in den Köpfen. Aber zumindest in den Schichten, die mit unserer Herkunft und Umgebung vergleichbar sind, herrscht eine andere Sensibilität gegenüber der Sprache. So eine Kultur wünsche ich mir auch für die kommenden Generationen in Deutschland - unserer war sie leider nicht vergönnt.

Grüße
A.


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Subject: Vom Stress der Alles-Checker

Lieber J.,

Wehleidigkeit, sein Licht unter den Scheffel stellen, fishing for compliments - alles extrem unangenehme Eigenschaften. Geschenkt.

Trotzdem sehe ich mich in letzter Zeit mehr und mehr von Menschen aus dem anderen Extrem umgeben. Männer und Frauen, die alles checken. Alles richtig machen. Im Job läuft es grad richtig gut. In ästhetischen Fragen ist man geschmackssicher: Guck mal unser neues Sofa. Das Baby kriegt selbst angebaute Biomöhren und trägt schickere Klamotten als ich.  Wenn sie Ärger wegen irgendwas haben, sind die anderen Schuld. Die Stadt, in der wir leben, kennen sie natürlich saugut. Shakehands mit Schlüsselpersonen. Wir gehen in Restaurants, sie besuchen befreundete Gastronomen. Projekte am Laufen. Eine Hand wäscht die andere. Überhaupt, die anderen. Die Sonne scheint nicht nur ihnen, sondern auch den Freunden aus dem Arsch. "Der Patrick geht auch voll ab - hat jetzt richtig Dampf mit seiner Band." "Liese und Stefan haben die Wohnung bekommen!" Und im Urlaub geht’s irgendwohin, wo es so großartig ist wie man selbst.

Ich kann nichts Unsympathisches an dieser Art Mensch finden. Ein richtig guter Freund, Amerikaner, ist auch so. Manchmal ist mir die Gegenwart der Checker aber zu viel, dann brauch ich Urlaub von denen. Auch weil dieser Typ Mensch es geradezu verlangt, dass man zurück-posed: Und meine Projekte erst! Das mache ich nicht. Ich bin zu wenig Angeber, zu viel Nachdenker. Ich erzähle lieber von Missgeschicken als von besonders geglückten Aktionen, ich finde die vom Unterhaltungsfaktor meist lustiger. Netzwerken tue ich auch nicht, weil ich nach wie vor an dem Kantschen Dogma festhalte, dass der Mensch niemals nur Mittel, sondern immer auch Zweck zu sein hat. Nicht, weil ich so moralisch bin. Sondern, weil mir das Andere einfach nicht liegt. Deswegen kenne ich “nützliche” Leute oft nicht persönlich, und habe im Gegenzug Menschen im Freundeskreis, die mir gar keinen Vorteil bringen außer sich selbst.

Wenn ich mir meine Checker-Freunde ansehe, sehe ich Gewinner der Ökonomisierung des Alltags. Leute, die topfit sind für den Markt. Ich stelle aber auch fest, dass dieses Alter, Mitte Dreißig, die Menschen offenbar tief im Innern stark verunsichert. Plötzlich hört man überall viel mehr gute als schlechte Nachrichten. Jetzt, wo man sein Leben selbst bestimmt, zeigt man einander nicht mehr so freimütig das verwuschelte, unsichere Ich. Stattdessen scheinen die Dreißiger sich untereinander um jeden Preis vergewissern zu wollen, dass sie klar kommen. Ich frage mich manchmal, was unsere Checker-Freunde über uns erzählen. Wo wir ihnen doch gar nichts liefern. Wir leben einfach so. Nicht schlecht, freilich. Unseren Scheiß kriegen auch wir geregelt. Zur Verwunderung unserer Checker-Freunde lassen wir aber den Power Point ausgeknipst. Ob die ahnen, wie gemütlich und entspannt es im Schatten ist?


Grüße
A.


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Subject: Re: Der (höchstentspannende) Traveller-Powerpoint

Lieber J,

es gibt einen bemerkenswerten Moment in Comedians in Cars Getting Coffee, jener netten kleinen Web-Serie, in der Jerry Seinfeld durch die Gegend fährt und Kollegen zum Kaffee einlädt: Seinfeld zuckt mit den Achseln und sagt: "Nach meiner Auffassung zielt 98% alles menschlichen Strebens darauf ab, die Zeit totzuschlagen."

Stimmt das? Wir, die wir keine schwerreichen Comedy-Rentner sind, müssen bekanntlich arbeiten gehen und auch sonst dauernd kleine Probleme lösen (Was kochen? Wie lautet die Nummer vom Sperrmüll? Wo ist der Ordner mit dem Steuerkram?) So sind wir immer abgelenkt. Fragen darf man sich aber: Wovon halten uns die Arbeit und der ganze Alltagskram eigentlich ab? Was wäre das “Richtige”, das für ein gelungenes Leben unbedingt zu tun wäre?

Diese Frage ist meist doch eher abstrakt, wenn man weder Rentner noch Millionär ist. Da die einst freien Wochenenden mittlerweile auf einen Organisations-Samstag und einen Erschöpfungs-Sonntag eingedampft worden sind, sehe ich mich mit der Frage: "Was tun?" nur noch in der Urlaubszeit konfrontiert. Und was mache ich dann? Verreisen. Seit ich es mir leisten kann, sammele ich Flugmeilen, probiere interessantes Essen, schaue mir fremde Länder an. Individuell, versteht sich, selbst organisiert und gerne mal auf Nebenpfaden. Das ist ein Riesenspaß. Aber Begegnungen mit anderen Reisenden, wie Du sie treffend schilderst, erinnern einen daran, dass man sich doch objektiv recht seltsam in fremden Ländern verhält.

Dieser unbedingte Wunsch nach dem Überwältigtwerden hat etwas Frivoles. Unsere Generation reist mit höchsten Erwartungen. Unglaubliche Eindrücke wollen wir, Klick Klick macht die Kamera. Nachher soll man am Küchentisch in der heimischen Altbauwohnung sitzen, durch die Bilder skippen und "Donnerwetter!" sagen. Man ertappt sich bei gedanklichen Selbstaufwertungen wie "Die meisten Idioten rennen in Venedig in eines der schlechten und überteuerten Restaurants am San Marco. Für uns aber hat eine herzliche Nonna in einem wunderbar versteckten Laden, oben in Cannareggio, direkt am Wasser, ein ganzes Menü gekocht, für 15 € inklusive Wein!”

Das ist im Grunde ‘Travel Channel’-Kitsch.

Die Reiseerlebnisse der allermeisten Individualreisenden gleichen sich praktisch genauso wie die von Pauschaltouristen. Das von Dir beschriebene Aufeinandertreffen, gegenseitige Abklopfen, ‘clevere’ Tipps geben, stellenweise auch das Angeben wiederholt sich. Es ist bekannt, dass man anderen Menschen die Fehler am allerwenigsten verzeiht, welche man von sich selbst kennt. Vielleicht sind Traveller daher bei mir nicht immer willkommene Gesellschaft. Ich erinnere mich, wie sich in einer Bar in Hanoi ungefragt ein Belgier an unseren Tisch setzte. Er berichtete stolz davon, wie er zu Fuß und ohne Geld aus Laos gekommen sei. So etwas ist in der Generation "The Beach" glaube ich hierarchiemäßig ganz weit oben. Da ich von Natur aus am Trophäensammeln wenig Interesse habe und der Typ schlecht roch, bat ich ihn irgendwann, uns allein zu lassen.

Vielleicht hat Seinfeld Recht. Man sehe sich durchschnittliche, zufriedene Rentner an. Obwohl sie nun erstmals frei über ihren Alltag bestimmen können und ihnen noch dazu die Lebenszeit durch die Finger rinnt, jagen sie nicht durch die Straßen, um das pralle Leben in sich aufzusaugen. Meistens sitzen sie im Sessel, trinken Tee und lösen Sudokus.

Grüße
A


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Subject: Der (höchstentspannende) Traveller-Powerpoint

Lieber A.,

lang ist es her (zwei Jahre!), da hast du hier vom “asozialen Power-Point”erzählt. Auf meinem vierwöchigen Südamerika-Trip kam mir das passende Bild wieder in den Sinn. Auf Reisen trifft man viele Menschen. Und so sehr man sich auch anstrengen mag mit den Locals zu connecten - die meisten Begegnungen hat man mit anderen Reisenden. (Das ist für mitunter enttäuschend, sogar ärgerlich. Man geht mit dem Traum, in eine fremde Kultur eintauchen zu können, und vor Ort trifft man nur die gleichgeschaltete Traveller-Meute aus den USA, Europa, Australien und Israel. Aber ich schweife ab…)

Wie dem auch sei, was mir nun im Urlaub auffiel: in diesen Kreisen gibt es ebenfalls eine Powerpoint. Es geht nicht um Beruf & Beziehung, es geht natürlich ums Reisen. Die ersten fünf Fragen und die ersten fünf Antworten sind immer gleich: Wo kommst du her? Wo warst du zuletzt? Wo warst du schon davor überall? Was machst du als nächstes?  Wie lange reist du? 

Das ist nicht überraschend. Denn das sind ja die Themen, mit denen man sich auf solchen “Rucksack-Reisen” auseinandersetzt. Was aber interessant ist: Dieser Small-Talk ist so repetitiv und langweilig wie jeder andere auch. Er lebt genauso von den großen Angebereien und kleinen Niederlagen wie jeder andere auch. Er kann sympathisch oder anstrengend geführt werden, meistens ist er aber egal, wie jeder andere Small-Talk auch. Aber: Allein das umstellen der Powerpoint von Alltag auf Urlaub hat auf mich eine höchstentspannde Wirkung. Endlich mal nicht über Arbeit reden, endlich mal eine andere Platte abspulen. Allein dafür lohnt sich so ein Urlaub. 

Grüße
J.


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Subject: Worüber man nicht lästern soll, darüber muss man schweigen

Lieber J,

ich kenne genau zwei Menschen, die nie lästern. Die wirklich nur gut über andere Personen sprechen. Oder eben schweigen. Wenn eine Situation zum Lästern einlädt, schweigen sie. Wenn sie in einer Runde Lästerer sitzen, schweigen sie auch. Oder sie gießen Wasser in den Wein der Tratschenden, indem sie deren Urteile relativieren. Sogar das tun sie mit einem Lächeln, ganz ohne die Lästerer zu verurteilen.

Unter allen guten menschlichen Eigenschaften finde ich diese Disziplin vielleicht die Bewundernswerteste. Wie oft zerrede ich selber das Leben der Anderen. Bei mir ist es ein Ausläufer meines Hanges zum Beobachten, meiner Freude am Analysieren und Zusammenhänge-Bilden. Dazu kommt eine ganz gute Urteilskraft und ein ausgeprägter Mitteilungsdrang. Ich bin zwar nicht die Sorte Lästerer, die sich selbst als etwas Besseres darstellt - das häufigste Objekt meiner Verurteilungen bin ich selber. Catch my performative drift? ;) Das macht die Sache aber nicht viel besser. Selbstironie ist etwas Feines, sich selbst dauernd klein zu machen, dagegen ein Charakterfehler, den ich mit vielen Deutschen teile.

Von den beiden Menschen ist übrigens einer ein super-selbstbewusstes Großmaul. Man muss also kein Heiliger sein, um das Lästern zu lassen, auch wenn der Religionsstifter Jesus von Nazareth diesem, auf den ersten Blick nebensächlichen Thema immerhin einen ganzen Absatz in der Bergpredigt gewidmet hat.

Grüße
A


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Subject: "200 Jahre Biedermeier" oder "Warum Hipster (vielleicht) in die CDU gehören"

Lieber A.,

eine schöne und passende Beschreibung für den Unterschied zwischen der “Nirvana-Generation” und der “Generation-iPod” hast du da gefunden. Begonnen hatte Apple’s Siegeszug wohl mit ihrer Hymne auf alle Verrückten und Querdenker, mit dem berühmten Spot “Here’s To The Crazy Ones" von 1997. Seitdem hat es die Firma geschafft, Außenseiter zum Mainstream-Leitbild zu machen, iPod-Weiß ist das neue Schwarz. 

Vor fast 200 Jahren begann in Deutschland die Biedermeier-Zeit. Nach den Umwälzungen der Napoleonischen Kriege war den Menschen der Sinn nach Rückzug ins Private. Man konzentrierte sich auf Hausmusik, las Unterhaltungsliteratur und beschäftigte sich vor allem mit sich selbst, der eigenen Familie, dem eigenen Freundeskreis. In dieser intensiven Beschäftigung wurde der Stil der Mode und der Wohnungseinrichtung besonders wichtig. Denn das eigene Haus war der Mittelpunkt des Lebens. 

Die Selbstbezogenheit aller Lebens- und Stil-Entscheidungen findet sich heute wieder. Zwar sind junge Menschen alles andere als in die eigenen vier Wände zurückgezogen, aber sie machen den öffentlichen Raum im Grunde zu einem privaten. Das Interesse an Öffentlichkeit ist nicht Auseinandersetzung sondern ganz auf das Selbst, auf dessen Optimierung und Darstellung bezogen. So begründet zum Beispiel der Großteil der heutigen ERASMUS-Studenten den Auslandsaufenthalt mit Optimierung des Lebenslaufs. Nicht “Menschen treffen”, oder “andere Kulturen kennenlernen”, wie in den Neunzigern. 

Die Öffentlichkeit in der Generation iPod ist privatisiert. Nicht im kapitalistischen Sinne. Sie ist zu einer Verlängerung meiner Wohnung geworden und dient dem gleichen Zweck, mich wohl zu fühlen und das Richtige und Angemessene zu tun. Das Richtige und Angemessene für mich und meinen Lebenslauf. Man kann mit dem idealistischen Blick unserer Generation diese jungen Menschen dafür kritisieren, dass Meinung nur noch Ironie ist. Aber man kann auch einen systemischen Blick auf das Phänomen Ironie und die Retro-Affinität der Hipster werfen, dann ergibt sich ein anderes Bild.

In einer Welt des Überangebots an Meinungen und Möglichkeiten aufzuwachsen, bedeutet einem enormen Druck ausgesetzt zu sein. Überall kann man Stellung beziehen, überall kann man etwas besser machen. Jede Meinung hat tausende Gegenmeinungen. Wer sich von dieser Welt nicht überfordern lassen will, der muss zwangsläufig Strategien für den Rückzug entwickeln.

Nach der Industrialisierung war der Nationalismus eine solche beliebte Rückzugsstrategie. “Die Welt (mit all ihren Angeboten und Verschiedenheiten) hat nicht recht, die Nation (das Volk, …) hat recht!” Die Antwort auf Digitalisierung und Mediatisierung des Alltags sind heute Ironie und Retro. Da kann man kann natürlich den gleichen Vorwurf ansetzen, wie bei jedem CDU-Vorstadt-Spießer, der sich nur um seine Gartenzwerge kümmert, und dessen Engagement für “die Welt” sich auf den sonntäglichen Wurf von 2 Euro in den den Klingelbeutel beschränkt. Aber das ist das nicht ein riesiger Erfolg? Ironie ist auch ein Mittel, Menschlichkeit und Respekt trotz allem Wirrwarr aufrecht zu erhalten. Wenn keiner recht hat, hat auch keiner Unrecht. Und hier ist der Hipster dem Gartenzwergler dann doch ein paar Schritte voraus. Insofern: Ein hoch auf die Hipster! 

Lieber Gruß
J.


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Subject: The Bling Ring

Lieber J.,

ein kurzer Brief, nur, weil ich es hier einfach nochmal loswerden muss:

Das für mich langweiligste aller Themen, dem sich amerikanische Künstler leider immer wieder annehmen, ist die Oberflächlichkeit der Gegenwartsgesellschaft. Sofia Coppola, die ihre Karriere mit zwei bezaubernden Filmen gestartet hat, hat mit THE BLING RING erneut ein banales Stück Gesellschaftskritik hingelegt, das hier zu besprechen keinen Sinn macht. Meine Kritik von ihrem vorletzten Film SOMEWHERE enthält erschöpfend alles, was ich zu THE BLING RING zu sagen habe.

Ich erkenne in der halb-satirischen, halb-dramatischen Darstellung oberflächlicher, dummer, junger Menschen einen paternalistischen Ton, der mich an das anmaßende Konzept von Life-Coaching-Shows à la “Supernanny” erinnert. Oder an Ernährungsratgeber-Sendungen, wo Unterschicht-Familien von Akademikern vorgeführt wird, wie ihre Kinder in zehn Jahren aussehen, wenn sie weiter jeden Tag sechs Liter Cola saufen.

Liebe Sofia, wenn Du so viel tiefgründiger bist als die südkalifornischen Glam-Tussis, dann zapfe doch bitte dieses Reservoir für Deinen nächsten Film an, anstatt es Dir noch einmal so leicht zu machen.

Grüße
A.


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